Gutes dubaisches Handwerk – Das Fliegennetz des Grauens

Ich erinnere mich noch ganz genau daran, wie ich mir beim Einräumen unseres Wohnzimmers dachte „Mist, Schiebetüren am Balkon, wenn man da vernünftige Fliegengitter haben will, muss man sicher ein Vermögen ausgeben!“ So ein Fliegengitter war aber absolute Pflichtanschaffung in der neuen Wohnung, da wir diesmal neben einen Park und damit für Dubaiverhältnisse „mitten ins Grüne“ gezogen sind (und ich btw. auch über all da, wo Karin von nebenan sagt „hier gibt es gar keine Stechmücken“ zu Tode gestochen werde.)

Noch bevor ich die ganz Wahrheit über die „tollen Kontakte“ unseres Agents erfahren hatte (für die Vorhangfacharbeiter klicke bitte HIER), kontaktierte ich einen gewissen Herren, der angeblich im ganzen Wohnkomplex die Fliegengitter anbrachte. Klang auch erstmal alles ganz gut, er erklärte mir via Whatsapp mit Bildern, welche Gitter an welche Art von Fenster und Türen er anbringen würde und nannte mir einen Preis. War erstmal im Rahmen (haha, WORTWITZ!!) ein Verhandeln des Preises lehnte er ab, da er ’sehr professionell sei, sehr viel Wert auf gute Qualität lege und schon sehr sehr lange bei uns im Wohnkomplex zur vollsten Zufriedenheit seiner Kunden arbeite.

Vermutlich hätte ich hier bereits hellhörig werden aka. schreiend davon laufen müssen. Ich, in meinem jugendlichen Leichtsinn hingegen, stimmte ein und bestellte das Fliegengitter für die Balkontüren.

Eine Woche später (anstatt zwei Tage, aber ok ok, wer hier lebt weiß, alle Zeitangaben sind stets „inshallah“ also, „so Gott will“ und meistens will er nicht oder zumindest nicht so schnell wie wir Deutschen) kam dann abends um 20 Uhr der Fliegengitterfacharbeiter mit einem Kollegen und einigen Teilen, die wohl unser Fliegengitter werden sollten. Es war auch schon dunkel auf dem Balkon, aber ich ging einfach mal davon aus, dass die Herren schon wüssten, was sie da tun, waren sie doch ‚wahnsinnig erfahren‘ und professionell und so.

Beim Zusammenbauen der Einzelteile habe ich gar nicht so genau hingesehen, denn ich hatte bisher die Erfahrung gemacht – je weniger ich sehe, desto weniger drehe ich schon vorab durch. Frei nach dem Motto „was ich nicht weiß, macht mich nicht heiß“ oder so ähnlich. Nach 20 Minuten hatten die Herren jedenfalls einen Rahmen zusammengebastelt, wobei von links und rechts jeweils eine Art Schiebetüre herausgezogen werden konnte, die das gefaltete Fliegengitter enthielt. „Ach, coole Idee“ dachte ich noch „mal gespannt, wie die das befestigen.“ Wäre ich mal lieber nicht gespannt gewesen. Hätte ich mal lieber den Tod durch Mückenstiche gewählt, anstatt mir das Folgende zu gegenwärtigen.

Um das Fliegengitter nun von Außen an den Balkontürrahmen anzubringen, klebten die Herren an alle vier Ecken doppelseitiges Klebeband. Der gesamte (GESAMTE!!) Rest des Rahmens wurde zentimeterdick mit Silikon eingeschmiert. Und genau so, also in der geschmeidigen Symphonie von doppelseitigem Klebeband und einer Tube Silikon pappten die Herren das Fliegengitter an unseren Balkon. PATZ. Dran. „Thank you Madam, lass mal 2 Stunden trocknen, dann ist alles gut, Goodbye und schönes Leben noch.“

„Ok“ denke ich „das wird schon so passen. Die sind professionell.“ Ich wollte einmal vertrauen. Einmal nicht wieder direkt super deutsch ausflippen. Einmal Ruhe bewahren und einfach auf das Beste hoffen. Musste ja ohnehin zwei Stunden warten, dann wärs eh schon Mitten in der Nacht, also ab in die Heia, morgen früh haben wir dann ein tolles, professionelles Fliegengitter. Yay.

Doch am nächsten Morgen hatten wir kein tolles Fliegengitter. Absolut nicht professionell. Nix Yay, aber auch wirklich gar nix. Das Silikon sah aus, als hätte man die Tube einem dreijährigen zum Spielen gegeben und beim Versuch, das Fliegengitter zu schließen, blieb unten ein Spalt offen. Schaust du mal hier:

Ich also wutentbrannt den Kollegen Schnürschuh angerufen und ihn gefragt, wo er denn bitte Silikonieren gelernt hat. „No Madam, its all right, we are always doing like this, noone ever complained.“ „DES IS MIR WURTSCHT ob du das immer so machst,“ entgegne ich „und wenn die anderen alle blind sind oder noch nie ne vernünftige Silikonnaht gesehen haben, is mir das auch Wurscht. Aber ich, mein lieber Freund, habe einen Bruder und einen Opa, die können silikonieren dass dir die Augen rausfallen und du schaust jetzt zu, dass du das auch vernünftig machst.“

Ich rede mich schon wieder in Rage, daher die nächste 3 Wochen in Kurzform:

  • Verbesserungsversuch Nummer 1: Kollegen geschickt, der kein Englisch spricht (ihr erinnert euch an die Vorhangstory? Ich sag doch, da steckt ne Masche dahinter!), überstehendes Silikon entfernt. 24 Telefonate bei denen ich dem Chef erklären musste, dass ich mir ein Fliegengitter sparen kann, wenn es unten nicht schließt, weil die Fliegen dann doch trotzdem ins Haus kommen.
  • Verbesserungsversuch Nummer 2: Zwei Kollegen erscheinen, um den Magneten mit dem die Türen geschlossen werden auszutauschen. Ergebnis: Alles beim Alten, Türen schließen nicht.

  • Verbesserungsversuch Nummer 3: Zwei weitere Kollegen erscheinen, um den gesamten Rahmen wieder zu entfernen. Zum Ablösen des Silikons verwendet man absolut selbstverständlich einen Schraubenzieher und verkratzt den gesamten Alurahmen der Balkontür. „We are always doing like this Madam, noone ever complained“ Ich mache mittlerweile mehr Atmemübungen als jede werdende Mutter während der Geburt. Die Anwältin in mir nimmt Fahrt auf. Ich will sofort jemanden verklagen. Schadensersatz für den verkratzten Rahmen. Und wegen emotionaler Schmerzen. In Millionenhöhe.

  • Ich stelle fest, dass ich nur eingeschränkte Möglichkeiten habe: So einen Spaß wie Schadensersatz oder so gibt es hier praktisch nicht. Man hört dann einfach nie mehr was von der Firma. Oder die behaupten einfach, das war schon so. Ich musste also versuchen, wenigstens noch das Gitter zu bekommen und dann den Restpreis um den (irgendwie geschätzten) Schaden zu reduzieren.
  • Verbesserungsversuch Nummer 4: Die zwei Kollegen kommen eine Woche später mit Exakt dem gleichen Rahmen wieder und sind sehr erstaunt, dass die Türen unten nicht schließen. Ich atme. Ohmmmmmm. Wuuuuzaaaah. Die innere Anwältin gibt auf. Die innere Wrestlerin meldet sich und will jemanden umfausten.
  • Verbesserungsversuch Nummer 5: Man liefert einen neuen Rahmen, bringt ihn an (habe ein Youtube Video nebenbei laufen lassen, wie man vernünftig silikoniert und entsprechendes Material gekauft). Die Türen schließen wieder nicht. Man teilt mir trocken mit, dass die Türen überhaupt nicht schließen könnten, weil der Balkonboden selbst nicht austariert (also nicht ganz eben) sei, was sich dann natürlich auf den Rahmen, welcher am Boden aufliegt, auswirke.

Ich frage mich nicht mehr, ob das tatsächlich stimmt oder warum man mir das nicht drei Wochen und 4 Verbesserungsversuche inkl. Kratzern des Todes vorher mitgeteilt hat. Ich frage mich auch nicht mehr, warum mich der Chef der Firma am nächsten Tag anruft und mich nach der restlichen Bezahlung fragt. Ich tröste meine innere Wrestlerin und rufe der inneren Anwältin zu, dass wir ja quasi Schadensersatz in Form eines kostenlosen Fliegengitters bekommen haben. Die innere Anwältin weist trocken darauf hin, dass es sich um ein Fliegengitter handelt, dass nicht schließt. Ich weine.

Ich weine, rufe meinen Mann an und teile ihm mit, dass es mir egal sei, ob wir keine Zeit oder keine handwerkliche Begabung hätten. Wir müssten unsere Balkonmöbel DIY machen, weil ich sonst für nichts mehr (besonders nicht für die innere Wrestlerin) garantieren könne.

Und so kam es, dass ich herausfand, wie meditativ das Abschleifen von Paletten ist und ich heute über die Geschichte lachen kann. Wenn ich auch ein bisschen weinen muss. Und jede Menge Mückenstiche habe. Aber da hat sich ja noch nie einer beschwert.

Hier noch did Balkonmöbel. DIY. 😍

Eure Luisa

Dubai Gschmarri Königreich Prinzessin Uncategorized Wüstenresidenz

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