Höchstqualifiziert, arbeits- und obdachlos

Wenn du nach deinem zweiten Staatsexamen in deiner Heimat unterwegs bist und ständig und überall gefragt wirst: „Und? Was machst du jetzt? Was ist aus dir geworden?“ und du ohne zu lügen antwortest, dass du arbeitslos und wieder bei Mutti eingezogen bist. Wenn du mal sehen willst, wie dein Hausarzt seit Kindertagen erst seinen Kaffee quer über den Tisch spuckt und dann unauffällig unter dem Tisch seiner Frau den neusten Klatsch über Whatsapp mitteilt, kann ich dir solche Aktionen nur empfehlen. Ich will ja auch nicht sagen, ich hätte es drauf angelegt, auch mal wieder das Dorfgespräch zu sein .. aber ich habe mir auch gelegentlich das Baby einer meiner besten Freundinnen ausgeliehen um damit demonstrativ durchs Dorf zu marschieren.

„Habt ihr das von Luisa gehört?? DIE IST ARBEITSLOS. UND WIEDER BEI IHRER SIPPSCHAFT EINGEZOGEN. UND EIN KIND HAT DIE AUCH. ABER KEINEN MANN. ICH HABS IMMER GESAGT, DASS AUS DER NIX WIRD!!!“

Jetzt klär‘ uns halt mal auf

Also guuuuut, ich erklärs‘ ja schon. Eigentlich ist die ganze Story super unspektakulär. Dass das Baby nicht meins ist, wisst ihr ja schon (Lieb hab ich ihn trotzdem für 5 <3). Das mit dem arbeitslos sein ist auch relativ einfach erklärt. Am Tag der mündlichen Prüfung zum 2. Staatsexamen um 24 Uhr endet automatisch das Ausbildungsverhältnis zum jeweiligen Oberlandesgericht. Man ist dann verpflichtet sich arbeitssuchend zu melden. Und da man in den zwei Jahren Referendariat Geld verdient hat, bekommt man sogar Arbeitslosengeld (damit könnte man zwar nicht einmal seine Miete bezahlen, aber hey. Wir (ehemaligen) Referendare in Hamburg sind ja Kummer gewohnt). Womit wir eigentlich auch schon beim Punkt Obdachlosigkeit angekommen sind. Auch das klingt wesentlich schlimmer als es ist. Mein Mitbewohner und ich haben unsere WG im Juni aufgelöst, bevor ich nach Dubai bin. Ich hatte bereits einen Mietvertrag für eine Wohnung in Hamburg ab November 2017, den ich aber ja dann nicht „antreten“ konnte, da ich zu diesem Zeitpunkt schon wusste, dass ich zurück nach Dubai gehe. Das bedeutet, dass ich nach meinem 2. Staatsexamen meine 7 Sachen zu meinen Eltern in den Keller gebracht habe und mein Kinderzimmer wieder bezogen habe. Für die Zeiten in Hamburg habe ich dann einfach bei meinen Jungs gewohnt. Faktisch war ich aber dennoch ohne eigenen Wohnsitz was im Ergebnis zu einer Arbeits- und Obdachlosigkeit führt.

Und jetzt?

Auch wenn ich es echt liebe, die Tratschtanten aus dem Dorf auf Trab zu halten und mir schon überlegt habe, als nächstes mit einem leeren Kindersitz auf dem Gepäckträger meines Fahrrads durch die Gegend zu fahren und immer nach hinten zu plärren „Ruckel nicht so Justin, sonst fällst du irgendwann noch raus“, kommt jetzt der Streberteil der Geschichte. Sorry, aber man muss ja auch irgendwann am Reich werden arbeiten. Und ich werde ja auch nicht jünger.

Dubai. Wie die meisten von euch wissen, gehe ich für zwei Jahre nach Dubai. Ich werde in der Kanzlei, in der ich auch meine Wahlstation gemacht habe, als Anwältin arbeiten. Es handelt sich dabei um eine deutsche Kanzlei, die eine Niederlassung in Dubai hat. Im Büro selbst reden wir deutsch und englisch, je nachdem wer wo herkommt, mit Mandanten, Behörden und Gerichten wird ausschließlich auf Englisch kommuniziert. Arabisch muss ich nicht lernen. Hauptaufgabe unserer Kanzlei ist es, deutsche oder europäische Unternehmen, die eine Niederlassung in den Vereinigten Arabischen Emiraten gründen wollen, zu begleiten und bei ihrem Vorhaben zu unterstützen.

Doktorarbeit. In irgendeinem geistig völlig umnachteten Moment habe ich außerdem beschlossen, neben der Arbeit zu promovieren. Ich kann mich zwar noch dunkel erinnern, dass ich nach meiner Examensarbeit auf ALLES geschworen habe, nie nie nie wieder eine wissenschaftliche Arbeit zu schreiben, aber offensichtlich saß der Schmerz damals nicht tief genug. Jedenfalls werde ich in Dubai 4 Tage die Woche als Anwältin arbeiten und 2 Tage an meiner Doktorarbeit werkeln. Das klingt jetzt nach einer völligen Harakiriaufgabe … ist es wahrscheinlich auch. Aber Frau Doktor Prinzessin klingt einfach cooler als nur Prinzessin und deswegen ziehen wir das jetzt durch. Die Arbeit schreibe ich im Bereich Strafrecht, das Thema verrate ich euch irgendwann, wenn das Ding druckreif ist und ihr handsignierte Exemplare käuflich erwerben könnt :).

So .. ich hoffe, damit sind erstmal alle Klarheiten soweit beseitigt. Ich bin tatsächlich ordentlich traurig, Deutschland und vor allem meine Perle zu verlassen, aber das wird jetzt einfach durchgezogen. Der nächste Besuch ist ja auch schon in wenigen Wochen, an Ostern, also alles halb so wild.

Wenn ihr noch irgendwelche Fragen zu meinem Zwei-Jahres-Zukunftsplan habt, dann immer in die Kommentare damit, ansonsten verspreche ich, dass es hier jetzt wieder etwas lebhafter zugeht. Ich hab‘ ja jetzt Zeit. Als Anwältin und Doktorandin. (Das klingt immer noch nicht echt. WOW.).

Eure Luisa

12 Kommentare zu „Höchstqualifiziert, arbeits- und obdachlos

  1. Wie kommst du auf Strafrecht? Es hat ja eher keinen Bezug zu deiner Tätigkeit in der Kanzlei dann oder? Oder willst du danach was im Strafrechtsbereich machen?

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  2. Wo wohnst du denn dann in Dubai? Also hast du eine eigene Wohnung, oder wohnst du in einer WG? LG und ich hoffe, du hast Zeit uns auf Instagram mit Bildern zu versorgen. Freu mich schon drauf.

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  3. Du bist einfach so eine Granate 🤩💣💥
    Kannst du mich nicht mitnehmen? Du brauchst doch bestimmt eine Sekretärin 😏 Aber spätestens wenn du wieder hier bist, dann will ich den Job 😘 Ich knutsch dich 💋 Hannah

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  4. Liebe Luisa, mir bereitet es immer ein wenig Bauchweh wenn ich an das Referendariat denke. Du hast ja in den Kommentaren geschrieben, dein Schwerpunkt im Studium sei Strafrecht gewesen. Wie „problemlos“ war für dich der Einstieg in der Kanzlei in Dubai ohne einen tieferen Einblick in die Materie? Wird man als Referendar dann schon noch ein wenig mehr an die Hand genommen oder ist es sowieso der Fall, dass man sich relativ gut in das Unbekannte einarbeiten kann?
    Und Danke für deine wunderbaren Erzählungen und Berichte! Sie erheitern so oft meinen Tag!

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    1. Hey Miri!
      Erst einmal vielen Dank für deinen Kommentar! Ich kenne deine Gedanken und „Ängste“ ganz genau, aber ich kann dich da super beruhigen. Man wird total an die Hand genommen und eingelernt. Niemand erwartet unmögliche von dir! Du bist ja im ganzen Ref ständig in neuen Stationen und damit auch Rollen. Und in 90% der „Rollen“ warst du vorher noch nie (erste Staatsanwaltschaftsvertretung. HORROR 😂). Mach dir keinen Kopf, egal ob eigenes Recht oder ausländisches – da kommt man super schnell rein und einem wird immer geholfen!

      Liebe Grüße

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  5. Hey Luisa,
    ich bin schon gespannt, zu verfolgen, wie es weiter geht bei dir! Ich finde es beeindruckend, dass du den Schritt nach Dubai zu gehen wagst und auch noch nebenher promovieren willst! Hut ab und ich wünsche dir alles, alles Gute! Ich habe erst im Dezember das Ref angefangen, bei mir dauert es also noch gefühlt ewig, bis ich mal fertig werde. Und noch weiß ich auch gar nicht, wo ich in will. Ich hoffe, das finde ich im Ref noch raus. Würdest du vielleicht bei Gelegenheit mal einen Post darüber schreiben , wie du dich speziell auf das zweite Staatsexamen vorbereitet hast? Ich bin nämlich jetzt schon damit überfordert. 😀

    Liebe Grüße

    Katja

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    1. Liebe Katja,
      Der Post ist bereits in Arbeit 😉 vielen Dank für deine lieben Worte und ich freue mich sehr, dass du mich auf meinem Weg begleitest!

      Viele Grüße
      Luisa

      P.S.: ich wusste bis zu meiner Wahlstation nicht im geringsten, wo die Reise hingehen wird, also mache dir mal gar keinen Stress!

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